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Agrigent — Hauptstadt Italiens?



Agrigent ist eine grosse Stadt im tiefen Sűden Siziliens und blickt hinaus aufs Meer in Richtung Afrika. Agrigent besitzt eine mehr als zwei Jahrtausende alte Geschichte, ein Tal der Tempel und eine spezielle Rolle in Italien.

Agrigent galt lange Zeit und ist vielleicht heute noch der Ort mit dem niedrigsten Pro-Kopf-Einkommen Italiens, nur halb so hoch wie der höchste Wert, der im Nordwesten erwirtschaftet wird, nämlich im Aosta-Tal.

Agrigent ist auch berűhmt fűr Bodenspekulation und Bausűnden. Wie Tiger auf dem Sprung umkreisen die von der Mafia gebauten Apartmentblocks das Tal der griechischen Tempel, bereit, jederzeit einzudringen ins Tal und weiteren Beton zu vergiessen. Mitunter sind die Strukturen freilich so schlampig gebaut, dass sie von der Höhe hinabrutschen ins Tal.

In Agrigent geboren zu sein, ist ein Handicap. Man riecht nach Armut und Mafia, wenn man von dort stammt. Was tun, wenn man jung und arm ist? Die Arbeitslosigkeit ist mit fast 20 Prozent dreimal so hoch wie in Italien insgesamt. Es gibt jedoch einen Weg aus der Armut und Hoffnungslosigkeit, den etliche junge Agrigentiner beschritten haben. Er ist nicht einfach, aber er fűhrt hinaus in die Welt, weit weg von der Enge Siziliens.

Das Rűstzeug, das man fűr diesen Weg braucht, ist einfach: Intelligenz, Flexibilität, und die richtige Familie. Die Familie ist die Grundlage. Sie muss den richtigen Namen haben, und sie muss Vertrauen verdienen bei der lokalen Mafia, die auf Drogenhandel spezialisiert ist.

Die Mafia kann helle Jungs mit der richtigen Einstellung immer brauchen. Sie werden nach dem Abitur auf eine lokale Universität geschickt, studieren Jura oder Wirtschaftswissenschaften. Fűr den Unterhalt sorgen die Freunde, auch dafűr, dass bei den Prüfungen nichts schief geht.

Hat der Jűngling seine Laurea, sein Diplom, erworben, so qualifiziert er sich vielleicht fűr einen weiteren Sprung nach vorne. Der beginnt mit Studien in Cambridge, an der Sorbonne oder in Harvard. Fűr den Unterhalt sorgen weiterhin die Freunde, und auch dort können sie vielleicht bei den Prüfungen helfen.

Irgendwann ist der junge Mann fertig ausgebildet, hat akademische Ehren, Sprachkenntnisse und Auslandserfahrung. Er wird nach Rom gehen und sich an Wettbewerben fűr Stellen in der Regierung beteiligen. Zum Beispiel im auswärtigen Dienst. Wie der Zufall es will, gewinnt er den Wettbewerb und wird junger Attaché in der Farnesina, dem Aussenministerium.

Italiens Diplomaten sind die höchstbezahlten Europas, also fällt es ihm nicht schwer, einen Teil seines Einkommens (sagen wir, die Hälfte) an seine Freunde, die ihm so selbstlos geholfen haben, abzugeben. Nicht etwa nur heute und morgen, nein, ein ganzes Berufsleben lang geht die Hälfte immer an die Freunde. Muss sein. Ausserdem muss man den Interessen der Freunde dienen, was immer man tut, wo immer man ist.

Doch mit ihrer Hilfe steigt der Jűngling schnell die Karriereleiter empor, wird irgendwann sogar Botschafter. Immer wichtigere Posten in fremden Hauptstädten nimmt er ein, vielleicht sogar in Brűssel. Bis er den Gipfel seiner Kompetenz űberschritten hat. Dann wird er bei einer internationalen Organisation abgestellt, wo er Italien vertritt. Immer noch im Range eines Botschafters.

Eine schöne Karriere fűr einen kleinen Jungen aus armen Verhältnissen in Agrigent. Doch schmerzlich, denn die Hälfte des Einkommens fehlt ja. Botschafter zu sein, aber nur halb so viel zu haben wie die Kollegen, das schmerzt. Was tun?

Man kompensiert das Manko durch einträgliche Nebenbeschäftigungen. Während die Kollegen vielleicht Golf spielen, muss man Vorträge halten, Artikel veröffentlichen, und dergleichen mehr. Den Freunden ist es egal, so lange sie ihr Geld jeden Monat bekommen. Man fällt unter Kollegen höchstens durch ungewöhnlichen Fleiss auf.

In der Zentralverwaltung Italiens in Rom arbeiten űberproportional viele Menschen aus den sűdlichen Provinzen. Warum? Weil sich die Norditaliener fűr den Regierungsdienst zu schade sind. Sie gehen lieber in die Privatwirtschaft und űberlassen den öffentlichen Dienst den Sűdländern.

Das erlaubt den Freunden, ihre Kandidaten in grosser Zahl in entscheidenden Positionen zu platzieren. Dies wiederum entgeht den Nordländern nicht, die die Entwicklung kritisch beobachten.

Als Regierungschef Silvio Berlusconi unlängst seinen Justizminister Angelino Alfano als möglichen Nachfolger ins Gespräch brachte, horchte Italien auf. Alfano ist gebűrtig von Agrigent und war dort Chef der Jugendorganisation der ehemaligen christdemokratischen Partei, bevor sie in einem Korruptionsskandal unterging.

Danach stiess Alfano, der in Mailand Jura und Wirtschaftsrecht studierte, zu Berlusconis Forza Italia-Partei. 1996 wurde er in Agrigent in das Regionalparlament gewählt und wurde im Jahr 2000 Fraktionsvorsitzender der Forza Italia im sizilianischen Parlament. Im Folgejahr sass er bereits in der Kammer des Parlaments in Rom. 2005 war er der Anfűhrer einer Gruppe der Partei im sizilianischen Parlament, die treu zum Präsidenten der Region Sizilien, Salvatore Cuffaro stand, der nach langwierigen Prozessen in letzter Instanz zu sieben Jahren Gefängnis wegen Mafiabeziehungen verurteilt wurde,

Im Jahr 2008 wurde Alfano fűr Berlusconis neue Partei Volk der Freiheit ins Römer Parlament gewählt, war dort Koordinator fűr Sizilien und wurde noch im gleichen Jahr von Berlusconi zum Justizminister ernannt, dem jűngsten in der Geschichte Italiens.

Seither hat er sich vor allem verdient gemacht, indem er Gesetze auf den Weg brachte, die seinen Regierungschef und andere höchstrangige Politiker vor Gerichtsurteilen schűtzen sollten. Das erste solche Gesetz, nach ihm Lodo Alfano genannt, scheiterte zwar 2009 am Einspruch des Verfassungsgerichts, aber ein neues Gesetz zu ähnlichem Zweck ist derzeit unterwegs in den Gremien.

Silvio Berlusconi hat erklärt, dass er sich nicht noch einmal zur Wahl stellen wird. Seit langem wird spekuliert beziehungsweise befűrchtet, dass er die Nachfolge Giorgio Napolitanos als Staatspräsident anstreben wird.

Bei aller Kritik der Opposition an Berlusconis Machtpolitik hält man ihm doch zugute, dass er kein Diktator ist, sondern ein altmodischer Autokrat. Was aber wird geschehen, wenn ein Anderer in den massgeschneiderten Anzug des Cavaliere schlűpft? Jahrelange, von sicheren Parlamentsmehrheiten getragene, Gesetzesarbeit hat Italiens Verfassung so modifiziert und ausgehebelt, dass Berlusconi seine Launen ausleben und die Attacken der Justiz űberleben kann.

Wehe aber, wenn ein weniger patriarchalisch und mehr diktatorisch gesinnter Nachfolger in diesen Anzug schlűpfen könnte. Kaum auszudenken, welches Ende Italiens Demokratie nehmen wűrde.

Vor diesem Hintergrund muss man sich fragen, ob es Hohn oder Gedankenlosigkeit war, als Berlusconi nun ausgerechnet Alfano als seinen Nachfolger vorschlug. Vielleicht ist der Grund ein anderer: dass Berlusconi einzig und allein Alfano zutraut, ihn auch nach dem Ausscheiden als Premierminister vor den Nachstellungen der Gerichte zu schűtzen. Vielleicht eher ein Akt der Angst und Verzweiflung, als des Hohns.

Niemand wird zweifeln, dass Berlusconi einen Mann seiner Wahl in den Gremien seiner Partei und in der Koalition mit der Lega Nord durchsetzen könnte, wenn er seine nicht geringen finanziellen Mittel einsetzt. Alfano ist ein brillanter Jurist und hat den Vorzug, ein paar Jahrzehnte jűnger zu sein als das Gros der italienischen Politiker.

Doch unter Alfano wűrde Agrigent zur heimlichen Hauptstadt aufsteigen. Das Kräftezentrum, das bislang in Berlusconis Heimat Mailand lag, wűrde in den tiefsten Sűden rutschen. Dagegen wäre eigentlich nichts zu sagen, denn es könnte helfen, den Minderwertigkeitskomplex der Sűditaliener zu mildern, die seit 150 Jahren von den Nordlichtern regiert, gegängelt und — wie sie meinen — ausgebeutet werden.

Wenn nur nicht der Einwand der Mafia wäre. Alfano hat bewiesen, dass er wenig Federlesens macht, wenn ihm die Verfassung im Wege ist. Wenn er seine Ziele verfolgt, dann kann ihn nur das Verfassungsgericht bremsen. Dieser Mann in Berlusconis Anzug – kann das gut gehen?

Dass der Geruch der Mafia in höchsten Ämtern zu finden ist, ist fűr Italien nicht neu. Giovanni Leone war Staatspräsident und stűrzte wegen seiner Verbindungen zur Camorra Neapels. Calogero Mannino aus Agrigents Nachbarstadt Sciacca war mehrfach Minister bevor er wegen Mafiakontakten zu acht Jahren verurteilt, nach langen Revisionen aber freigesprochen wurde. Ähnlich erging es Giulio Andreotti, Multi-Minister, Multi-Regierungschef und jetzt Senator auf Lebenszeit, dem Mafiakontakte in langen Prozessen nie wirklich nachgewiesen werden konnten.

So klagt denn auch Alfano in einer Internet-Biografie, die von seiner Partei stammt, wie schwer es sei, Justizminister aus Sizilien zu sein. Nicht nur das stete Misstrauen ist das Problem, sondern die Notwendigkeit, Mafiosi zu strengem Kerker verurteilen zu műssen.

Alfano sagt: ''In Sicilia mi e' stato detto 'chi te lo fa fare'? Vai via dalla Sicilia. Io ho risposto: dalla Sicilia devono andare via i mafiosi non la gente per bene che li manda al carcere duro.'' (ANSA)

Übersetzt: In Sizilien fragt man mich: „Wer zwingt dich, das zu machen? Geh' weg aus Sizilien“. Ich habe geantwortet: „Es sind die Mafiosi, die Sizilien verlassen műssen, nicht die ordentlichen Leute, die sie zu scharfem Kerker verurteilen.“

Es fällt schwer, von so viel Härte gegen die Mafia nicht ergriffen zu sein. Freilich fragt man sich, ob Berlusconis Hoffnung, dass ein Premierminister Alfano ihn später noch decken wird, realistisch ist. Wird, wer so hart gegen seine mafiosen Landsleute vorzugehen behauptet, seinen Ziehvater weiterhin beschűtzen, von dem er sich ja distanzieren műsste, wenn er sich ein Image als Saubermann schaffen wollte?

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—— Benedikt Brenner

Leserkommentare

giallorosso

jetzt verstehe ich .. alfano ist also der kandidat .. sehr schlimm... sicher wird er silvio decken.. das kann er sich leisten und trotzdem für den rest seines lebens das land autokratisch regieren, sofern nicht gerade eine revolution ausbricht - somit ist ganz schlimm, dass er jung ist, wie ein putin oder ahmadinejad. wenn er silvio fallen liesse, hätte er die ganze mafia gegen sich - denn silvio ist padrino für die südlinge, unternehmergott für die norditaliener und mussolinis erbe für die faschisten (da können weder fini noch die enkelin des duce ranstinken).